Anaal Nathrakh


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Anaal Nathrakh stehen nun schon seit über 20 Jahren für extreme Musik und zementieren mit ihrem elften Album Endarkenment ihr Vermächtnis im Zeichen akustischer Verwüstung. Ungeachtet seiner aufrührerischen Art war das Duo allerdings nie einseitig, sondern schürfte bei allem tief, was es in Angriff nahm, und auch die neue Scheibe unterscheidet sich in mancher Hinsicht wieder von ihren Vorgängern. „Es füht sich für mich leichter, heller, offener und direkter an“, sagt Sänger Dave Hunt. „Damit meine ich natürlich nicht eitel Sonnenschein oder fröhliche Musik, sondern eher, dass sie gleißendes Licht verströmt, statt im Dunkeln zu glimmen. Sie blendet geradezu.“ Die Band hat sich seit A New Kind Of Horror vor zwei Jahren tiefgreifend und auf persönlicher Ebene weiterentwickelt, was vielen ihrer Hörer genauso gegangen sein dürfte. „Ich für meinen Teil bin zynischer, verbitterter und glaube umso mehr, dass die Welt am Arsch ist. Zudem wird sie ständig weiter von Menschen kaputtgemacht, die keinen Plan davon haben, was sie tun. Musikalisch sind wir gereift – nicht mehr so hektisch und besser in der Lage, unsere Energie dorthin zu lenken, wo sie am meisten bewirkt. Das ist ein fortschreitender Prozess, denn man hört nie auf, zu wachsen und wird ständig besser darin, Grenzen auszuloten. Uns liegt allerdings nichts daran, das weiterzuentwickeln, was wir tun, sondern die Art und Weise, wie wir es tun. Wir halten anders als andere Bands an unserem Sound fest und sind stolz darauf.“

Indem das Duo einen Plan ausarbeitet und dann so ausführt, dass es seiner schwungvoll chaotischen Art zuträglich ist, folgen Hunt und Multi-Instrumentalist Mick Kenney ihren Ideen spontan dorthin, wohin sie sie führen. Dies nennen die beiden „Drachenreiten“ – „Musik unter dem Eindruck machen, dass einem nichts anderes übrigbleibt, als sich festzuhalten und mitreißen zu lassen.“ Das passt auch bestens auf den aufrührerischen Lärm von Endarkenment, einen Sturm aus gewaltigen Blastbeasts, hibbeligen Riffs und Breitwand-Refrains, welche die Richtung eines Songs unvermittelt ändern. „Wir wissen erst, was wir von einem Album halten sollen, wenn es fertig ist. Eine andere Vorgehensweise gibt es für uns nicht.“ Der Titel stand jedoch von vornherein fest und hat sich als prophetisch erwiesen, was die gegenwärtige Weltlage angeht. Er steht im Gegensatz zur Erleuchtung (Engl. „enlightenment“) oder Aufklärung im Sinne der gleichnamigen geistigen Strömung, die Aberglauben und Unkenntnis zu überwinden sucht. In den Liner-Notes zum Album schreibt Hunt: „Die Werte der Aufklärung – Vernunft, Skepsis und Urteilen auf empirisch belegten Fakten statt religiöser Vorstellungen – wurden und werden zusehends weiter ausgehöhlt. Es äußert sich von Staat zu Staat anders, doch bei uns in Großbritannien hat Michael Gove, ein garstiger Kobold von Politiker, das Ganze mit seiner berühmten Bemerkung auf den Punkt gebracht, wir hätten angeblich genug von Experten. So wird das Zeitalter der Verdunklung eingeläutet.“ Mit diesem Leitmotiv im Kopf schrieb Hunt, der zu den intellektuelleren Textern im Metal-Bereich gehört, die Lyrics zum Album, wobei er verschiedene Themen abdeckte und nicht selten unangenehme Gefilde ansteuerte.

In ‚Singularity‘ geht es nicht nur um das Konzept der Singularität – den erwarteten Moment, in dem künstliche Intelligenz die menschliche aussticht –, sondern auch ihre Beziehung zu unserer Dekadenz und destruktiven Verhaltensweise. In den Liner-Notes heißt es weiter: „Das ist an sich schon ein Ausdruck von Dekadenz, weil es auf eine Kultur hindeutet, die ein Ereignis provoziert, von dem sie zunichtegemacht wird. Ich ziehe einen Vergleich zu dem Eindruck, dass wir im Wesentlichen in unter einer Feudalherrschaft stehen, denn Entwicklungen auf globaler Ebene hängen in zunehmendem Maß von der Willkür einer kleinen Gruppe mächtiger Einzelner ab. Als Spezies, die nicht einmal sich selbst im Grunde ihres Wesens richtig kennt, haben wir eine Gesellschaft geschaffen, die wir in ihrer Funktionsweise nicht mehr kontrollieren können und machen uns selbst hinfällig, indem wir die Macht einigen Wenigen überlassen. Ganz toll – was kann da schon schiefgehen?“

‚Feeding The Death Machine‘ entstand hingegen am 75. Gedenktag der Befreiung des KZs Auschwitz, nachdem Hunt ein Interview mit einem überlebenden Cellisten gehört hatte. „Ich habe mich an Jens Bjørneboes Methode orientiert, Leser mit einer scheinbar nüchternen Beschreibung unfassbar grauenhafter Ereignisse, die nicht das eigentliche Gräuel betrifft, vor den Kopf zu stoßen, und behandle in diesem Text den wahrscheinlich verächtlichsten Typus überhaupt – den feigen, rechtfertigenden Bürokraten.“

Das finale ‚Requiem‘ stellt das Hauptthema des Albums ins Zentrum: „Dieser Text beruht auf der Musikform der Totenmesse und konkret Giuseppe Verdis Interpretation. Hinsichtlich des Motivs der Verdunklung greifen wir Nietzsches Wahnsinnigen auf, der ein ‚Requiem aeternam deo‘ singt, nachdem er erkannt hat, dass Gott tot ist. Da dies den Beginn der Erleuchtung markierte, halten wir eine neue Totenmesse – in diesem Fall für uns – für angemessen, während die Gesellschaft auf die Verdunklung zusteuert.“

Die Musik wurde in Kenneys Studio in Südkalifornien aufgenommen, die Vocals auf einem Industriegelände im englischen Birmingham, wo jemand gleich nebenan einen Sadomaso-Porno drehte. „Kürzlich wurde mir bewusst, dass wir seit über zehn Jahren nicht zu zweit an einem Ort aufgenommen haben. Das liegt teilweise wohl daran, dass uns unsere Umgebung im Grunde nicht tangiert; obwohl man es als Mensch jeweils anders wahrnimmt, bleibt die Art, wie wir zusammenarbeiten, davon unberührt. Professionelle Studios, teures Equipment, akustisch isolierte Aufnahmekabinen – alles schön und gut, aber wir brauchen nur einen stillen Raum mit Licht, einen Laptop und ein minderwertiges Mikrofon. Die Musik, Stimmung und Inspiration stecken in uns selbst, nicht in irgendwelchen Geräten.“ Abgeschottet zu arbeiten zahlte sich für die beiden aus: ein Tapeziertisch wurde aufgestellt, und die Sessions in nahezu völliger Dunkelheit dauerten oft bis nach Mitternacht. „Wir konnten manchmal sogar so etwas wie eine Methode erkennen – Gesangspassagen wurden quasi mit einem Raummikrofon aufgenommen, das ich auf der anderen Seite im Raum aufstellte, bevor ich losbrüllte und auf den Boden stampfte. Das ist unsere ‚Nekro-Attacke‘, wie wir es nennen, und ich weiß, dass Mick seine Kunden als Produzent bisweilen nach ihren Beweggründen fragen muss. So läuft es aber nicht bei Anaal Nathrakh. Wir kotzen unsere Musik sozusagen aus, woraufhin wir lediglich saubermachen müssen und zum Nächsten übergehen.”

Einen hohen Stellenwert für das Album und die zugrundeliegende Message nimmt das Cover ein, das ein Schwein mit Penissen als Augen zeigt. Die Idee stammt von Hunt, und Kenney setzte sie in einem bestechenden Bild um. „Es soll den idealen Menschen im Jahr 2020 darstellen. Den Einfall hatte ich schon früher, doch die Darstellung könnte nicht aktueller sein. Wir sind wie Nutzvieh – entwürdigt, gedemütigt und blind im Angesicht unserer Notlage, weil uns nichts anderes bekümmert als unsere Triebe“, so Hunt. „Und selbst dann, wenn jemand denkt, er hätte etwas von Substanz entdeckt, und darauf hinweisen möchte, wird es meistens zu einem Fetisch erhoben; man sieht regelrecht, dass er einen Steifen hat, und riecht den Schweiß in seinem Schritt. Als Beobachter sagt man sich dabei allzu oft: ‚Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen.‘ Bill Hicks sprach einmal über Kultur als Betäubungs- oder Ablenkungsmittel – ‚Geh zurück ins Bett, Amerika …‘ Zappa verwendete in ähnlicher Weise Käse als Metapher, und unsere Cover für Endarkenment schießt auch in diese Ecke, bloß aggressiver und erbitterter. Wie heißt es so treffend in einem der Songs? ‚Schweine mit Schwänzen in unseren Augen masturbieren, während die Welt untergeht.‘“






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